vom Tabu zum Kunstwerk

Es gibt in der Kunst kaum einen Stil, der in der breiten Masse kontroverser betrachtet wird als die Kunst der Seile, die Kunst des Fesselns. Während viele Kunstliebhaber sich über den Bildschnitt, Pose und Beleuchtung des Models austauschen, andere "Seilkünstler" die Technik bewerten und Laien sie bewundern, steht Lieschen Müller (ja, ich mag den Namen und alle realen Lieschen Müllers mögen mir bitte verzeihen) fassungslos erbost da und rollt ihren Gebetsteppich gen Alice Schwarzer aus.

Fesseln, Bondage... Shibari... echte traditionelle japanische Bondage oder freies Fesseln - von der Auswahl der Seile wollen wir an der Stelle (vielleicht an Anderer) gar nicht sprechen... und wie heute in allen Bereichen gibt es auch in diesem Bereich viele, die kaum ihre Schnürsenkel geknotet kriegen sich aber großspurig nawa sensei, Shibari Meister oder sonstwie pseudo-asiatisch nennen... ich nenne sie alle "Rigger", was auch umgangssprachlich gerne genutzt wird... das unerfahrene Bunny (so wiederum nennt man oft das "Opfer") wird sich vielleicht davon beeindrucken lassen - zumindest bis es die ersten ernsthaften Verletzungen behandeln lässt.

Da aber spätestens seit Fifty Shades of Grey (auch auf dieses Un-Werk werde ich hier nicht weiter eingehen) nun auch Lieschen Müller erkannt hat, dass ein bisschen Fesseln gar nicht so pervers sein kann und es sie doch vielleicht ein bisschen im Bauch kribbelt - werde ich auch diese Richtung der Kunst öffentlich leben und präsentieren - wenngleich es trotz allem nur eine Facette von mir und meiner Kunst darstellt.

 

 

der Hamburger Jung und das Tüddelband

Bereits im Vorschulalter musste ich alles verschnüren, was mir vor die Seile kam: das Treppengeländer meiner begeisterten Oma, draußen die Bäume und später dann mit 14 Jahren meine erste "feste" Freundin...auf dem Heuboden ihrer Eltern - mit deren Wäscheleine.

Im Laufe der Jugend wurde dann viel experimentiert, Büchereien durchstöbert (das Bondage-Handbuch von Matthias Grimme gab es damals leider noch nicht), und die ersten vorsichtigen Kontakte zur Hamburger SM-Scene... geknüpft.. von da an hatte die Leidenschaft einen Namen - und bekam tatsächliche Kompetenzen.

Irgendwann war dann der Punkt gekommen, an dem ich meine Erfahrungen, Kompetenzen -vor allem auch durch meine Kenntnisse im medizinischen Bereich und durch die Wasserrettung aufgewertet - weitergeben wollte: der erste Bondage-Workshop für Paare war geboren. Zunächst fand er mit nur wenigen Teilnehmern im heimischen Wohnzimmer statt, später wuchs er und noch später habe ich dann auch auf Veranstaltungen geknotet.

Fesseln beim Shooting

Fesseln ist etwas sehr persönliches, intimes. Die Wehrlosigkeit, das Fallen lassen in die Situation gehört -viel mehr noch als beim Akt-Shooting- in in den sicheren Rahmen einer guten Beziehung. Es muss nicht unbedingt eine Lebensbeziehung oder Partnerschaft sein (bekanntlich hat jeder mit jedem seiner Gegenüber eine Beziehung), aber der aktive Part braucht sehr viel Empathie, Erfahrung - und muss sich und die Situation emotional absolut und vollkommen unter Kontrolle haben.

An dieser Stelle möchte ich gerne den verklärten Blick von Fifty Shades of Grey, der letzten Bondage-Performance, und Millionen Fessel-Bildern im Internet auf die nüchterne Realität des (optisch) kühlen Studios mit seinen Scheinwerfern, Blitzröhren und der technischer Ausrüstung lenken. Bitte versteht das nicht falsch: auch bei einem Bondage-Shooting im Foto-Studio kann man einen guten Blick in die Welt aus Hingabe und Dominanz erhaschen, sich fallen lassen und fühlen - und da ist auch gar nichts verwerfliches bei... solange dieses Erlebnis auf Seiten des Models bleibt und der Fotograf... der Rigger... seinen oben beschriebenen kühlen Kopf, den Überblick, die Empathie behält (...und auch seine Finger bei sich).

noch ein paar mahnende und informative Worte für das Model zusammengefasst:

  • Du wirst nach dem Shooting definitiv "Ropemarks" haben. Das sind rote Abdrücke auf der Haut, die normalerweise nach wenigen Stunden -oder spätestens am nächsten Tag- verschwunden sein sollten. Das ist absolut nicht bedenklich und viele "Bunnys" tragen und zeigen sie mit Stolz. Solltest Du jedoch einen eifersüchtigen Partner haben und ihm vorher nicht davon berichtet haben, bin ich für Konsequenzen nicht verantwortlich
  • je nachdem, wie empfindlich Deine Haut, Deine Muskeln und Bindegewebe ist, kann es passieren, dass Du blaue Flecken bekommst, die ein paar Tage bestehen bleiben... so als würdest Du Dich an der Türklinke oder einer Schrankecke stoßen. Auch hier brauchst Du keine gesundheitlichen Risiken befürchten, solange der Rigger weiß, was er tut
  • wir werden einander teilweise recht nahe sein und es ist wichtig, dass wir dabei ständig im Dialog bleiben. Ich werde Dich jeweils informieren, was ich vor habe und bevor ich Dich an "kritischen Stellen" berühre immer wieder den Dialog mit Dir suchen und Dich im Auge behalten, ob Du Dich damit noch wohl fühlst. Wir bewegen uns da nicht nur rechtlich in einer Grauzone und Dein Wohl ist mir in mehrfacher Hinsicht sehr wichtig
  • ich werde Dich schon beim Fesseln komische Dinge tun lassen (wie zum Beispiel Zeigefinger und Mittelfinger spreizen "Victory-Zeichen"), um Nerven und Reflexe zu testen. Da musst Du mir vertrauen, dass ich weiß, was ich tue.
  • Thema Kleiderordnung: wenn Du beim Fesseln Kleidung trägst, sind harte, starre Dinge wie Bügel-BH, Gürtel, Ketten, enge Jeans etc. tabu. Piercings sollten mit mir abgesprochen werden
  • Gesundheitliches: OP-Narben (auch alte), frühere oder gar frische Brüche,  Bänderrisse, Gelenkprobleme oder ähnliches solltest Du in Deinem eigenen Interesse im Vorfelde ansprechen... ebenso bekannte Kreislaufprobleme, Angststörungen und alles was auf das Shooting Einfluss haben könnte - und keine Angst: es muss kein Ausschlusskriterium sein - aber ich muss es wissen... und zwar vorher
  • jegliche Form von Betäubungsmittel - Alkohol, Drogen, Schmerzmittel - sind absolut tabu (das gilt bei mir sogar für ein "normales" Shooting). Erwische ich Dich damit, ist das Shooting sofort und unwiderruflich vorbei
  • Du wirst zwischenzeitlich -je nach Pose und Setting- tatsächlich vollkommen wehrlos sein. Auch da muss Dein absolutes Vertrauen mir gegenüber vorhanden sein... und manchmal spielen einem Wissen und Fühlen einen Streich
  • je nach Absprache mit Dir sind ein Visagist, Licht-Assistenz, Fotograf oder andere Helfer (meist die weibliche Form), vielleicht sogar eine Freundin von Dir mit am Set. Für alle Beteiligten gilt: ich als Fesselnder habe in allem das letzte Wort - das Schiff hat aus gutem Grund nur einen Kapitän.

Das klingt jetzt vielleicht alles etwas übertrieben, sehr hart... und vielleicht auch arrogant - aber mir ist in über drei Jahrzehnten Fesseln noch nicht ein einziger Unfall passiert - und ich möchte diesen Schnitt gerne halten... mein Ziel ist, dass Du danach sagen kannst "bei Thomas habe ich mich wie in Abrahams Schoss gefühlt"

Technisches

Wir kranken an zwei vollkommen konträren Symptomen: einerseits entfernen wir uns immer weiter von logischen Zusammenhängen und tatsächlichen Kompetenzen, andererseits spüren wir genau, dass uns das Leben immer weiter überholt. Der Mensch von heute hat verschiedene Optionen, darauf zu reagieren, WENN er das Problem denn erkennt (vergleiche: die vier Kompetenzstufen - unbewusste Inkompetenz):

  1. lernen. Lernen was das Zeug hält. den Fleiß besitzen, alles wissen zu wollen, alles können zu wollen - und das bis in die Tiefe. Das kostet Zeit, ist anstrengend und schnell frustrierend
  2. ignorieren und tricksen. Man nimmt Geld in die Hand, kauft eine teure Kamera und dreht so lange an Blende, Zoom und Lightroom rum, bis man etwas reißerisches, buntes, auffälliges "geschaffen" hat, das andere beeindruckt

Was ich mit diesem langen Vorwort eigentlich nur sagen wollte:

wer fesseln will muss lernen

Fangen wir gleich mit dem nahe Liegenden an: dem Seil. Im Prinzip könnte es so einfach sein: Baumarkt, Nylon oder Polyester, Sisal, Kunst-Hanf... die Auswahl ist so groß - da muss doch das Richtige bei sein? Kurze Antwort: nein. Kein einziges der im Baumarkt verfügbaren Seile hat die Eigenschaften, die es zu einem guten Fessel-Seil machen. Aber was macht ein zum Fesseln geeignetes Seil aus? Es sollte...

  • weich und angenehm auf der Haut sein und keine allergischen Reaktionen verursachen
  • gut zu handhaben sein, nicht zum verdrehen neigen und leicht zu knoten
  • die Knoten sollten sich - auch wenn sie unter Zug waren, leicht wieder öffnen lassen
  • wenn man es über die Haut zieht sollte es nicht heiß werden, wie Kunststoffseile es tun
  • formstabil sein und sich auch unter Last nicht dehnen
  • unempfindlich gegen mechanische Belastungen sein
  • unempfindlich gegen Feuchtigkeit sein
  • umweltverträglich sein und aus nachwachsenden Rohstoffen bestehen
  • günstig sein und lange halten

Ich könnte jetzt lange über die Beschaffenheiten der einzelnen Seil-Materialien referieren - und wenn Ihr Fragen dazu habt, gehe ich da auch gerne weiter in die Tiefe - aber hier können wir es für den Moment abkürzen: es gibt nur ein Material (mit Abstrichen zwei Materialien), das alle diese Anforderungen erfüllt: Hanf (das zweite Material ist übrigens Jute)... und das bekommt man -außer online- nur in einer gut sortierten Seilerei. Dort bekommt man es zwar in der Regel unbehandelt, dann fühlt es sich rauh, faserig und störrisch an - dafür ohne Perversen-Aufschlag.

Um Hanf-Seil vor dem Fesseln zu bearbeiten gibt es unzählige Anleitungen im Internet - jede hat ihre eigenen Regeln, Rezepte und Vorgehensweisen, jede ihre Philosophie.... und letztlich muss man für sich selbst entscheiden und vielleicht sogar ausprobieren, für welche man sich entscheidet. Grob gesagt: kochen, unter Spannung trocknen, die überstehenden Fasern abflammen, ölen, wachsen... und das ganze in verschiedenen Reihenfolgen und so häufig wiederholend, bis das Seil entweder kaputt ist, oder ideal flauschig und super reißfest - oft ein Widerspruch in sich. Übrigens kann man im Internet Seile kaufen, die das ganze Prozedere schon hinter sich haben, dafür aber mehr kosten... und -zumindest was die Bruchlast betrifft- mehr einer Katze im Sack entsprechen, als realistischer Einschätzung der Belastbarkeit entsprechend. (Anmerkung für die erfahreneren Leser, bevor Ihr mich für den Standpunkt kritisiert: Hand aufs Herz: wann habt Ihr das letzte Mal *tatsächlich* einen Bruchlast-Test mit neuen Seilen gemacht, geschweige regelmäßig mit Gebrauchten?)

Nachdem wir nun flauschig weiche, unnachgiebige robuste und reißfeste Seile haben, können wir loslegen... nicht. Denn bevor wir unser Bunny zum Rollbraten verknoten oder sogar aufhängen, kommt ein Haufen theoretisches und praktisches Wissen... wo darf man wie welche Seile anbringen, wie viele Lagen, wie macht man die Knoten und... wie dick muss das Seil überhaupt sein? Auch hier wieder eine klare Antwort: es hängt davon ab. Davon, was man erreichen will, davon, wie schwer das Bunny ist... wie erfahren, wie sportlich, wie empfindlich die Haut... und letztlich: wie ist ihr Schmerzempfinden? Auch diese Fragen werden den Rahmen dieser Seite sprengen, weswegen ich auch hier auf die einschlägige Literatur hinweisen möchte... für den Moment möchte ich Euch nur für das Thema sensibilisieren... die unbewusste Inkompetenz zu einer einer Bewussten wandeln.

Das Seil auf dem Foto zeigt übrigens eine der Möglichkeiten, sein Bunny an einem Suspension Ring zu "befestigen", so dass es sicher hängt, ihr keine unmenschliche Kraft braucht, es hoch und wieder runter zu bekommen, die Knoten leicht wieder auf bekommt und das ganze obendrein noch dekorativ aussieht.

[weiterer text folgt]