Kameras – neu oder gebraucht?

Da das Thema immer wieder auf kommt, möchte ich ein paar grundsätzliche Punkte ansprechen und mit dem marketinggesteuerten Neuer-Höher-Schneller-Weiter Müll aufräumen:

Beobachtet man den Markt von elektronischen Geräten, hat man das Gefühl, die Geräte… Computer, Kameras, Handys, Soundanlagen… erleben von Version zu Version Quantensprünge an Entwicklung, Neuerungen und Innovation – und selbst, wenn man diese Geräte dann in die Hand nimmt, scheint sich dieses Gefühl zu bestätigen.

Aber ist das tatsächlich so?

Wenn man dann selbst ein wenig fakten-basiert recherchiert, experimentiert, stellt man ziemlich schnell fest, dass der ultraneue Prozessor, der schnelle Speicher seinen megateuren Laptops gerade mal Faktor 1,5 schneller ist, als seine alte Möhre – und dass die gefühlte Performance nur durch eine verbaute SSD-Festplatte kommt, die die alte Möhre exakt genauso beschleunigt hätte.

Ich habe mir einmal den Spaß gemacht und für meine digitale Canon Spiegelreflex-Kamera Adapter gekauft, um die 30 Jahre alten Objektive meiner Olympus OM-10 nutzen zu können und jeweils gleiche Brennweiten in ihren Ergebnissen miteinander verglichen. Die Details und teils erstaunliche Effekte würden jetzt diesen Post sprengen, aber unterm Strich hieß das Ergebnis: trotz Canons vollmundiger Marketingversprechen von „nie dagewesenen“ Vergütungen und selbstverständlich computerberechneten Linsen… standen die jahrzehnte alten Analog-Objektive den Modernen in NICHTS nach. Klar fehlen Bildstabilisator, Autofokus und damit verbundenen natürlich Echtzeiteingriff – aber die Ergebnisse können sich absolut sehen lassen.

Doch… warum ist das so? Ganz einfach: die Gesetze der (heute bekannten) Physik existieren seit gut 13,7 Milliarden Jahren. Licht ist die gerichtete Bewegung von Photonen… und eine Kamera von heute funktioniert noch genauso wie die ersten Zigarrenkisten-Kameras: eine Optik/Linsen-System fängt die genannten Photonen ein und bündelt sie für die Dauer der Vorhang-Öffnung auf eine photoempfindliche Fläche. Dies kann ein Analogfilm mit chemischen Reaktionen sein, oder beim Sensor eine elektrische/elektronische – aber sowohl der Weg, wie auch das Ergebnis sind im Prinzip das Selbe.

Aber… warum fühlt sich das dann so viel besser an? Auch das lässt sich recht einfach erklären – aber dafür muss man ein wenig ausholen: der Mensch von heute neigt dazu, Verantwortung abzugeben, sich führen zu lassen – tiefenpsychologische Theorien darüber sparen wir uns an dieser Stelle. Wir stehen in dem ständigen inneren Konflikt aus Kontrollverlustängsten auf der einen Seite und der Angst vor Verantwortung, vor Entscheidungen auf der anderen Seite. Die Elektronik von heute suggeriert einem beides vereint: man scheint die volle Kontrolle z.B. über das Foto zu haben, man kann Fokuspunkte setzen, Blende und Belichtungszeit kontrollieren… und trotzdem ist da immer die Elektronik im Hintergrund, die uns dabei unterstützt. Doch in Wirklichkeit haben wir weder die vollständige Kontrolle, noch geben wir die Verantwortung tatsächlich ab: egal in welchem Aufnahmemodus, egal wie teuer die Kamera: wenn wir nicht wissen, was wir tun, bekommen wir bestenfalls mittelmäßige Ergebnisse, ansonsten verwackelte, verrauschte, oder unterentwickelte Bilder.

Als damals mein Opa mit seiner Voigtländer Plattenkamera im Schützengraben unter Bombenexplosionen im Dreck lag und gerade mal 7 Platten zum Wechseln dabei hatte, war jeder „Schuss“ ein Treffer – und es sind erstaunlich gute Ergebnisse bei raus gekommen (unter Berücksichtigung des damals schlechten Negativ-Materials). Man hat eine Kamera gekauft und sich damit beschäftigt. Man wusste um die Wechselwirkungen von Blende, Schärfentiefe, Belichtungszeit und Bewegungseffekten, hat bei der Aufnahme schon berücksichtigt, dass man bestimmte Filme später in der Dunkelkammer mit Pushentwicklung korrigiert. Heute verlieren wir jeden tatsächlichen Bezug zur Technik, zur Physik dahinter. Und DAS ist der eigentliche Kontrollverlust.

Ich möchte Euch noch ein Beispiel bringen, bevor ich den Bogen zur Eingangsfrage finde: früher hatten Autos keine elektronischen Hilfen, kein ABS, kein ESP, keine aktiven Fahrwerke – geschweige Spurwechselassistenten, Spurassistenten, die scheinbar die Gesetze der Physik aufzuheben scheinen – aber die Gesetze der Physik lassen sich nicht betrügen. Damals ist man Heckantrieb-Autos gefahren, die bei zu schnellen Kurvenfahrten übersteuerten – das heißt, das Heck brach aus, oder man ist Frontantrieb-Autos gefahren, die untersteuerten – das heißt, dass das Auto „über die Vorderräder“ aus der Kurve raus rutscht. Dies passierte aber langsam: man hörte die Räder anfangen zu „singen“, anschließend spürte man, wie die Lenkung „weich“ wird und schließlich brach das Auto langsam und gemächlich aus: man hatte alle Zeit der Welt, noch einzugreifen und die Situation zu retten: Gas wegnehmen, gegen lenken – wir früher konnten tatsächlich noch Dinge, die heute meist Rallyefahrern vorbehalten sind. Die Autos von heute versuchen Dir auch diese Arbeit so lange abzunehmen, bis es nicht mehr geht – um DANN allerdings schlagartig vor der Physik zu resignieren… aka: Dich in den nächsten Graben zu befördern – und wieder tatsächlicher Kontrollverlust: genau das, was man eigentlich verhindern will, geschieht ohne Dich danach zu fragen.

Doch zurück zur Ausgangsfrage.

Der Auslöser dieses Blogbeitrages war die Frage einer Frau in einer Facebook-Gruppe, die sich zwischen einer Canon 7D und einer 70D entscheiden wollte. Daher werde ich auch an diesem Beispiel die Frage beantworten…

Speziell bei Canon muss man, was die Modellpolitik betrifft, zwei Faktoren berücksichtigen: erstens nimmt die Qualität und die Leistung mit der Länge der Modellbezeichnung in der Regel ab. Das heißt, dass eine einstellige Kamera in der Regel besser ist, als eine Zweistellige und diese wiederum besser als eine drei- oder gar vierstellige Kamera. Zum Zweiten hat es durch den breiten Markt und die Einführung der Vierstelligen eine Verschiebung in Richtung Consumer gegeben. Wenn noch damals die 350D eine durchaus amateurtaugliche Kamera war, die fast mit der 20D konkurrieren konnte, würde man sich heute mit den selben Ansprüchen im zweistelligen Bereich, oder gar bei den günstigeren Einstelligen orientieren.

Bei der Entscheidung zwischen „alt, aber hochwertig“ und „neu, aber Mittelklasse“ muss man sich daher fragen: was ist mein Bedarf, was möchte ich erreichen? Die neuen Kameras haben oft immer mehr Funktionen, immer mehr Assistenten – während die alten Kameras in der Regel robuster, qualitativ besser sind, im Ergebnis einfach mehr leisten – und oft deutlich günstiger zu bekommen sind.

Genauso sollte man beim Kauf einer Kamera sich immer auch einmal fragen, ob nicht der Schritt zum „Vollformat“ (früher nannten wir es „Kleinbild“ und war Standard) sinnvoller wäre – wobei man fairerweise betonen muss, dass Vollformat unter bestimmten Bedingungen auch Nachteile hat: Kameras und Objektive sind schwerer (eigentlich ein Vorteil beim ruhig halten), vom Neupreis her in der Regel teurer… und durch den fehlenden Crop-Faktor „fehlt“ einem Brennweite, die man wiederum über Gewicht und Preis erkaufen muss. Dafür bekommt man ein (physikalisch bedingt) deutlich lichtstärkeres System mit weniger Rauschen, wenn man mit Schärfen(un)tiefe arbeiten möchte bekommt man trotz größerer Blendenzahlen eine bessere Freistellung – und die Gefahr vom Verwackeln ist deutlich reduziert…

Unterm Strich würde ich, gerade bei fehlendem Budget, immer eher zur gebrauchten Älteren, dafür hochwertigeren Kamera, als zu einer Jüngeren mit tausend zusätzlichen Funktionen, die einem unterm Strich „an der Front“ sowieso nicht helfen.